Samuel Stucki

Solothurner Filmtage 2019: Suche nach Sinn

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Das Interview mit Pierre Stutz zu den Solothurner Filmtagen 2019.

An den Filmtagen sind heuer viele Filme zu sehen, die sich mich den Fragen nach dem Sinn des Lebens auseinandersetzen. Einer, der in Filmen diese Fragen aufspürt, ist der spirituelle Autor Pierre Stutz. Ich durfte mit ihm im Kloster Kappel ein Gespräch führen.
Samuel Stucki,
Pierre. Du bist kürzlich nach Deutschland umgezogen. Wie geht es Dir?

Ich spüre eine grosse Dankbarkeit. Dankbar bin ich, dass ich als einer der wenigen freischaffenden Autoren, auch ökonomisch vom Schreiben von Büchern leben kann.
Dankbar und immer wieder staunend bin, wie viele Menschen mir schreiben, dass ihnen meine Bücher Kraft, Vertrauen und Hoffnung schenken. Erleichtert bin, dass ich mir in Zukunft einen reduzierten Vortragsrhythmus erlauben kann.

Welchen Text hast Du in Deiner aktuellen Agenda?

Ein Gedicht von islamischen Mystiker Rumi (1207-1273):

Morgens ging ich in den Garten, eine Rose zu pflücken,
heimlich und in Furcht, der Gärtner könnte mich dabei erblicken,
doch es waren seine Worte köstlich über mein Erwarten:
„Nicht die Rose nur allein, ich schenke dir den ganzen Garten!“

Seit dem 1. Januar 2018 lese ich mir dieses Gedicht jeden Tag vor, auch laut, damit ich noch mehr ins Vertrauen hineinwachsen kann, dass es wohl auf mich ankommt und nie von mir alleine abhängt. Das Wesentliche im Leben ist ein Geschenk, Gnade!

Fragen zur Spiritualität:
„Lass Dich nicht im Stich“, so lautet der Titel Deines immer noch neuen Buches. Welches ist seine Kernbotschaft?

Es ist eine Ermutigung, in Ärger, Zorn und Wut auch eine heilende göttliche Kraft freizulegen. In der heutigen politischen Situation brauchen wir mehr denn je beherzte Frauen und Männer, die ihre Stimme erheben für eine Welt, die anders sein kann, zärtlicher und gerechter.

Du hast dieses Buch bei vielen sehr gut besuchten Veranstaltungen vorgestellt. Wie haben die Menschen Deine Botschaft aufgenommen?

Die meisten atmen auf, weil sie entdecken, dass es nichts Schlimmeres gibt, als eine falsche Versöhnlichkeit. Wertschätzung und konstruktive Kritik gehören zu gesunden Beziehungen, in denen Menschen einander auf Augenhöhe begegnen. Das Wort „Aggression“ wird nur negativ gedeutet, von seinem lateinischen Ursprungssinn bedeutet es, sich in die Auseinandersetzung des Lebens hineinstellen. Mein Aufstehen am Morgen ist deshalb ein „aggressiver Akt“ (!!!), weil ich damit ausdrücke, auch heute zu mir zu stehen und einzustehen für Frieden in Gerechtigkeit.

Du hast über 40 Bücher geschrieben, viele sind vergriffen. Als roter Faden sehe ich, dass für Dich Rituale eine zentrale Bedeutung haben. Erzähle von Ritualen in Deinem Alltag. Rituale, welche Dir Hoffnung geben.

Ich bin sechs Monate pro Jahr unterwegs und warte viel auf den Zug. Diese „verlorene Zeit“ kann ich verwandeln, in dem tief atme, meine Schultern lockere, gerade stehen für mein Dasein, meine Hände reibe, damit der heilende Atem Gottes mich auch jetzt von innen her aufrichten kann. Der Dominikanermönch aus Erfurt, Meister Eckhart, sagt: „Jeder Ort auf dieser Welt kann zu einem heiligen Ort werden.“ Rituale erinnern mich, was so kraftvoll auf der ersten Seite der Bibel steht: Jeder Mensch ist gesegnet vor allem Tun.

„Jeder Mensch hat eine spirituelle Seite“, so lese ich bei Dir. Wo siehst Du in unserer Zeit die Chance der Kirche, die Menschen spirituell zu berühren?

Obwohl ich ja ein leidenschaftlicher Sprachliebhaber bin, ist es mir genauso wichtig, Menschen in die Stille zu führen, um mit Leib-Geist-Seele jenen inneren Ruheort zu betreten, in dem wir endlich sein dürfen. „Endlich“ im doppelten Sinn: einfach sein und begrenzt, sterblich sein. In unserer hektischen Welt, in der der Druck nicht zu genügen, schon von Kindern und Jugendlichen als Belastung empfunden wird, ist es eine not-wendende Aufgabe der Kirchen, die Menschen zu sich selbst zu führen, zur inneren göttlichen Quelle, die unser Zivilcourage stärkt uns für mehr Solidarität, auch mit Flüchtlingen, ein- und auszusetzen.

Du hast selber schon mehrere Umbruchsituationen erlebt. Welche Gedanken aus der christlichen Mystik haben Dich getragen?

Entscheidend war und ist die Haltung des „Zu-Grunde-gehens“, die ich beim Dominikanermönch Johannes Tauler (1300-1361) als Befreiung entdeckt habe. In meinem zweijährigen Burn-out, in dem ich seitenweise in mein Tagebuch geschrieben habe, ich halte es nicht mehr aus mit mir, ich gehe zugrunde, habe ich bei Tauler diese Worte als Schlüssel zu einem befreiten Leben und Glauben entdeckt. Seiner Angst vor Liebesentzug auf den Grund gehen, seiner Überaktivität auf den Grund gehen, kann zu einem schmerzhaft-heilenden Auferstehungsweg führen.
Grundlegend bleibt für mich jeden Tag, die Kernaussage der Mystik, dass wir Gott nicht mehr länger suchen müssen, sondern uns von ihm finden lassen können. Es bedeutet sich zu fragen, ob ich „online“ bin für dieses Geschenk, schon bewohnt zu sein von einem grossen Segen, der mich mit allem verbindet, mit anderen Menschen, auch Verstorbenen, mit der Schöpfung und Kosmos.

Welche Bedeutung kann die Erfahrung von Stille heute haben?

Wie ich schon erwähnt habe, kann die Stille uns zur Achtsamkeit und zum Mitgefühl locken. Wer sich nicht im Hamsterrad verlieren möchte, dem rate ich, sich regelmässig Nischen der Stille zu schaffen. Es ist nicht einfach, jedoch möglich! Der Friedensmann aus Nazareth inspiriert mich zu dieser Lebenskunst. Jesus konnte so leidenschaftlich kämpfen für die Rechte der Ausgegrenzten, weil er sich immer wieder zurückgezogen hat in die Wüste, zur Meditation, um unterscheiden zu können, was heute geändert werden kann und was noch nicht und vor allem, um das eine vom anderen zu unterscheiden.

Fragen rund um den Film:
Du gehst „leidenschaftlich gerne“ ins Kino. Welcher Film hat Dich in diesem Sommer begeistert?

Der Film „303“ (2018) von Hans Weingartner. Darin begegne ich zwei jungen Menschen, Jule und Jan, die in einem alten Wohnmobil von Berlin nach Portugal unterwegs sind. In diesem warmherzigen Roadmovie habe ich wunderbare Momente erlebt, in denen ich voll da war und ganz weg. Diese langsame Annäherung zweier Seelen, die humorvoll-hart diskutieren, was wirklich trägt im Leben und die bezaubernden Landschaften schenken mir Glücksmomente, in denen ich in Verbindung komme mit meiner Sehnsucht und meiner Verzweiflung.

Ein Film soll Bilder in uns wachrufen, besonders durch die achtsame Art, wie er gedreht wurde. An welche Filme denkst Du?

Oh la la, unendlich viele! All meine Kultfilme, wie „Der Club der toten Dichter“, „Kirschblüten“, „Billy Elliot“, die Triologie „Drei Farben: Blau/Weiss/Rot“ von Krzysztof Kieslowski“

Ein spiritueller Weg ist kein „Sonntagsspaziergang“. Der Weg in die Freiheit verlangt alles von einem Menschen. Welcher Film spürt dieser Erfahrung nach?

Nebst den biblischen Heilungsgeschichten, die für mich alle Selbstverwirklichungsgeschichten sind, habe gerade viele Filme mich in die Freiheit geführt, zum Beispiel der kleine afrikanische Film „Timbuktu“ (2014) von Abderrahmane Sissako. Eine Filmszene habe ich mir – DVD sei dank – schon über 100 mal angeschaut: In Timbuktu wird nach dem Einzug der Islamisten verboten zu lachen, Musik zu hören und Fussball zu spielen. Was machen Kinder und Jugendliche, wenn ihnen etwas Wichtiges weggenommen wird im Leben? Sie spielen weiter Fussball, ohne Ball. Sie bleiben nicht in der Opferrolle, in der Resignation, sondern suchen kreativ nach Lösungen in scheinbar unlösbaren Situationen.

Der Film unterliegt auch einer ständigen Veränderung. Wo siehst Du problematische Entwicklungen im Film?

Dass die Bilder immer schneller werde, immer mehr Action. So werde ich von Eindrücken erschlagen und der Film kann zur Flucht werden vor der Wirklichkeit … hoffnungsvoll stimmt mich, dass auch „lang-weilige“ Dokumentarfilme wieder vermehrt im Kino sind und von vielen gesehen werden.

Welche Filme könntest Du für Jugendliche von heute empfehlen? – Welchen für frisch Pensionierte…?

„Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (2018) von Dennis Gansel, inspiriert vom zeitlosen Buch von Michael Ende, der in diesem Frühjahr in den Kino lief, ist ein starker Film für Jung und Alt, in dem in einer spannenden Inszenierung aktuelle Lebensthemen, wie seinen Traum leben, Fremdenfeindlichkeit überwinden, beharrliche Geduld entwickeln, hoffen auch in hoffnungslosen Situationen, uns bestärken können, trotz allem an das Gute im Menschen zu glauben.


Ausblick:
Du hast vor innezuhalten, Du willst nach Deinem 65. Geburtstag mit einem reduzierten Rhythmus weitergehen.

Ich freue mich, wenn ich dank meiner Gesundheit auch weiterhin ein spiritueller Begleiter sein kann, ein Augenöffner … als alle gesagt haben, dir geht es gut, du machst doch weiter wie bisher, hatte ich einen starken Traum: Ich war auf dem Marktplatz mit einem grossen Schild in der Hand, worauf stand „Auch ich darf in Rente gehen!“. Als ich erwachte, war mir sonnenklar, dass ich nach meinem 65. Geburtstag mir sechs Monate eine Sabbatzeit gönne.

Was hat Dich zu diesem Schritt geführt?

Mein ganzer spiritueller Weg, auf dem ich mich und andere zu einem gesunden Lebens- und Arbeitsrhythmus ermutige. In diesem Bewusstseinswandel ist auch meine sozialpolitische Verantwortung gewachsen, die eben nicht nur Früchte trägt, wenn ich aktiv bin, sondern Kindern und Jugendlichen aufzeige, dass das Leben viel mehr ist als Arbeit und Erfolg. Der ehemalige UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld ist mir ein wertvoller Begleiter, weil er nach seiner Ernennung im Frühjahr 1953 als ersten politischen Akt im UNO-Hauptgebäude einen Raum der Stille, der Leere geschaffen hat …

Wie bereitest Du Dich darauf vor?

In dem ich meine inneren Kritiker in Urlaub schicke (!), die mir Angst machen wollen, dass mir die Decke auf den Kopf fallen wird, wenn ich keine Vorträge mehr halte. Inzwischen habe ich über 60 Vorträge für 2019 abgesagt, weil alles seine Zeit hat. Ich sehne mich nach mehr Beziehungszeit, nach mehr ehrenamtlichen Engagement, z.B, bei Amnesty International, nach mehr Besuchen von kulturellen Anlässen.
Kurzfragen:
Drei Filme für die Insel?
„La Dentellière – Die Spitzenklöpperin“ (1977) vom Schweizer Claude Goretta, „Harald und Maude“ (1971) von Hal Ashby und „Rosa Luxemburg“ (1986) von Margarethe von Trotta
(Morgen werde ich drei andere Filme nennen!)

Was wäre für Dich das grösste Unglück?
Wenn mein Lebenspartner/Ehemann sterben würde.

Deine Lieblingstugend?
Kämpferische Gelassenheit

Lieblingsbeschäftigung?

Schreiben als „feu sacré“

Welche Eigenschaft möchtest Du mehr besitzen?

Geduld mit mir selbst

Dein Traum vom Glück?

Glücklich bin und werde ich, wenn ich auch jeden Tag unglücklich sein darf.

Bereitgestellt: 11.01.2019     Besuche: 29 Monat 
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