Beten im Trauerprozess

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Kerzen, die weiterbrenen: In der Pauluskirche in Schwerin

Die Kerze stand flackernd auf dem Tisch, schweigsame Trauer erfüllte den Raum. Ein Mann mittleren Alters war gestorben. Der Tod kam einfach über ihn. Das Trauergespräch blieb wortkarg, stockte, bis unsere Stimmen im Gebet zueinander fanden.
Otfried Pappe,
Nun sass ich mit seiner Mutter und seinen beiden Brüdern um einen Tisch. Alles gestandene Menschen, die viel vom Leben erzählen konnten. Aber wir blickten nur in das flackernde Licht der Kerze. Das Gespräch über den Toten, über den Verlust, über das Leben – alles war wortkarg. Er war kein einfacher Mensch gewesen, der Jüngste von drei Brüdern. Die Mutter hielt ihre Hand über ihn. Ich kannte die Familie, sie hatten im Dorf etwas zu sagen. Und so wurde manches verschwiegen, dabei hätte der Jüngste Hilfe gebraucht. Aber so schauten alle darüber hinweg. Auch jetzt am Tisch konnte die Mutter die Not ihres verstorbenen Sohnes nicht sehen. «Es war ja nur Gerede der Leute.» Als sie es so sagte, liefen ihr die Tränen über das Gesicht und ihr Körper zitterte. Sie litt ganz offensichtlich unter der Härte ihrer eigenen Worte.

Die Seite in meinem Notizheft war nur mit wenigen Stichworten gefüllt. Wie kann ich das Unsagbare zum Klingen bringen? Ich war noch jung im Pfarramt und auf der Suche nach Erfahrungen. Unsicher in manchen Dingen. Langsam neigte sich das Gespräch seinem Ende zu. Noch bevor ich mein Notizheft in die Tasche packen konnte, legte die Frau mir ihre Hand auf den Arm: «Herr Pfarrer, beten Sie noch mit uns?» Die gestandenen Männer am Tisch und die trauernde Mutter schlossen ihre Augen, neigten ihr Gesicht und legten die Hände ineinander. Und ich fing an, vor Gott zu bringen, was in dem Gespräch zuvor unsagbar schien. Erst stockend, unsicher, dann klar und deutlich. Im gemeinsamen «Unser Vater» fanden unsere Stimmen zueinander. Die Anspannung der letzten Stunde wich aus dem Gesicht der Mutter.

Der ältere Bruder des Verstorbenen sah mich lange und ernsthaft an, schon war ich verunsichert. «Danke, dass Sie mit uns gebetet haben!», mehr sagte er nicht. Als ich ging, brannte die Kerze weiter, niemand konnte ihre Flamme löschen. Jahre später hörte ich über den älteren Bruder, dass er sich das Leben genommen hatte. Hoffentlich, dachte ich, hoffentlich betet jemand mit der Mutter.

Pfarrer Otfried Pappe

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Bereitgestellt: 18.05.2020     Besuche: 47 Monat