Verwaltung

Stadtkirche Rundgang Nr. 2: Wettbewerb und Bau

reformierte Stadtkirche Osten (Foto:  Verwaltung)

Wettbewerb
Bereits 1917 wurde ein Architekturwettbewerb für den Neubau ausgeschrieben. Gefordert war eine Kirche mit 900 Sitzplätzen im Kirchenschiff und auf der Empore. Auf der Orgelempore sollte eine moderne Orgel Platz finden, zudem sollten sich dort bis zu 80 Sängerinnen und Sänger aufstellen können. Vorgesehen war ausserdem mindestens ein Nebenraum von 50 m² für Konferenzen und Konfirmandenunterricht sowie ein weiterer Raum mit rund 100 Plätzen für Nebengottesdienste und Taufen.

Innerhalb von vier Monaten wurden 160 Projekte eingereicht, von denen 96 als besonders beachtenswert eingestuft wurden. Den ersten Preis gewann der damals erst 25-jährige Luzerner Architekt Armin Meili mit dem Entwurf «Friede sei ihr erstes Geläute», den er über das Architekturbüro seines Vaters Meili-Wapf einreichte.
Baugedanken der Architekten Meili zum Projekt
Folgende Sätze findet man in den Baugedanken der Architekten Meili aus Luzern:
"In welcher Form scharen sich die Zuhörer im freien um den Redner sicherlich nicht in der Gruppierung eines langen Korridors, sondern im quergedrängten Halbkreis. Aus dieser Ueberlegung ergab sich ohne weiteres die Querstellung mit der Kanzel in der Mitte der Breitseite."

"Und weil es sich bei der protestantischen Kirche darum handelt, möglichst viele Zuhörer nahe an den Prediger heran zu rücken, hat sich die Emporenkirche als Typus herauskristallisiert. Die Emporen aber zerschneiden den Raum. Wir haben sie deshalb durch eine grosse Säulenordnung gefasst. Diese ermöglicht ausserdem eine reiche Raumerschliessung für die Schulsäle im Obergeschoss."

"Die ästhetische Absicht ging darauf aus, eine Stadtkirche, in deutlicher Unterscheidung von der Landkirche, zu schaffen. Die Besucher der Stadtkirche bringen im Alltag ihr Leben in den Häusern zu: niedere Stuben, Bureauräume, Fabriken! Ihr Werktag ist eng. Im hohen, säulengetragenen Kirchensaal aber will der Städter den Sonntag fühlen. Ganz anders ergeht es dem Landmann, der an der Arbeit bei Sonne und Wind seinen Blick ans Weite gewöhnt. Ferne Berge und Wälder sind ihm Alltag, trauliche Heimeligkeit, enge, niedere Räume bedeuten ihm Sonntag und Ruhe. Also sind seine Kirchen niedrig und traulich, während den Stadtkirchen Höhe und Monumentalität gebührt.
Das Aeussere ist bei aller Betonung unserer Zeit dem städtebaulichen Milieu untergeordnet . Die Stadt Solothurn ist ein seltenartig schöner Ort. Feine Kleinbauten reihen sich massgehend um die gewaltigen Kirchen, die wie Blumen des fernen Südens aus dem heimischen Boden sprossen."
Die Kosten des Kirchenbaus
Vor dem Baubeginn musste zuerst die Finanzierung geklärt werden. Während 1916 die Kosten für einen Neubau noch auf 500'000 Franken geschätzt wurden, beantragte die Kirchgemeinde nach Ausarbeitung und Anpassung des Projekts im Jahr 1921 bereits einen Baukredit von 800'000 Franken. Weitere Änderungen – wie die zusätzliche Unterkellerung und eine Vergrösserung der Kubatur um fast 20 Prozent – erhöhten die Kosten nochmals. Die Bauabrechnung belief sich schliesslich auf rund 1,2 Millionen Franken.
Der Kirchenbau 1923 - 1925
Am 22. Juni 1923 erfolgte die Grundsteinlegung. Fundamente, Keller und Säulen wurden aus armiertem Beton erstellt. Äusserlich erhielt die moderne Kirche jedoch ein historisches Erscheinungsbild: Die Fassaden sind mit Naturstein verkleidet, ebenso die Säulen, denen dekorative Kapitelle aufgesetzt wurden.

Am 30. August 1925 wurde die Kirche feierlich eingeweiht – unfallfrei erbaut und getragen von damals rund 10'000 Mitgliedern.

Bereits 1917 schrieb Meili in seinen Gedanken: "Man frage uns nicht, wes Stils die neue Kirche sei! Unsere Zeit kennt keinen Stil, oder besser: Der Stil unserer Zeit hat noch keinen Namen und wird vielleicht nie getauft werden."

Heute kennen wir den Namen: Die reformierte Stadtkirche wurde im Stil des Neoklassizismus errichtet – dem letzten einheitlichen Stil des Historismus im 20. Jahrhundert, der Formen aus Antike, Barock und Renaissance aufgriff und sich bewusst von der gleichzeitig entstehenden Moderne abgrenzte.
Bereitgestellt: 29.08.2025                Datenschutz