«Bhüet Di Gott», ein Gruss mit Segen, ein wenig veraltet, aber immer noch ausgesprochen von gläubigen Menschen. Meist bitten PfarrerInnen am Ende des Gottesdienstes Gott um Segen für die Anwesenden. Fürs Segnen braucht es aber weder Profis noch die Kirchenmauern. Warum im Alltag nicht mehr aus dieser Kraft-quelle schöpfen, fragt Sabine Palm.
«Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über», sagt eine alte Redewendung. Mir ergeht es so beim Segnen. Wenn ich z.B. den Jugend-lichen bei der Konfirmation einen persönlichen Segen zuspreche, mache ich mir zuvor Gedanken, wie ich sie erlebt habe und was ihre ganz besonderen Ausdrucksformen, Stärken und Qualitäten sind. Und genau diese Stärken wünsche ich zu wür-digen und zu kräftigen oder ihre Schwachpunkte und ihre Ängste zu mildern, wenn ich junge Menschen segne. Einen solchen Segen zu empfangen, ist eine Wohltat; das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Und einen solchen Segen zu spenden, macht einfach Freude – wie es immer Freude bereitet, wenn wir Menschen einander guttun.Natürlich ist Segen auch in anderen Formen erfahrbar – beim Erleben eines herrlichen Sommertages, beim Hören von Musik, bei der Betrachtung eines Gemäldes oder in der Natur. Vielfältig und vielfarbig kommt der Segen daher. In und hinter allem, was wir als Segen erleben, wirkt Gott; davon bin ich überzeugt.
SEGEN ZU SPRECHEN
UND ZU EMPFANGEN,
IST GESCHENK GOTTES,
IST WOHLTAT
Eine ganz besondere Freude ist es für mich, Menschen in einem Segensgottesdienst einen persönlichen Segen zuzusprechen. Oftmals erlebe ich, wie stark mein Gegenüber davon berührt wird. Dieses Berührtwerden gelingt nur, wenn Gott gegenwärtig ist, seine Liebe, sein Licht und sein Heil unter uns wirken lässt. Manchmal frage ich mich, warum wir diese Quelle der Kraft so wenig in un-seren Alltag integrieren. Wer käme schon – ausserhalb der Kirchenmauern – auf die Idee, den Mitmenschen gezielt Gutes, Heil und Stärkung zuzusprechen? Hängt es mit derselben Neigung von uns Menschen zusammen, uns mehr auf das Schwierige und Missglückte zu konzentrieren als auf das Gelungene, Schöne? Wir sehen das halbleere Glas, aber das halbvolle erkennen wir nicht.
Wenn ein Segen verstanden wird als Worte, Handlungen, Erfahrungen, welche die Lebensfreude und -energie steigern und Heil(ung) vermitteln sollen, dann würde ich mir wünschen, dass wir einander intensiver auf diese Art und Weise beschenken. Einen Anfang versuche ich, indem ich im Konfirmandenunterricht über dieses Thema rede; mit den Jugendlichen die Bedeutung des Segens erarbeite und sie bei vielen Gelegenheiten mit einem Segen auf den Weg schicke. Versuchen Sie es doch auch einmal; vielleicht tut auch ihnen ein «Ritual der Stärkung» gut?
Sabine Palm
März 2021
Hier geht es zu allen
» "Auf den Punkt gebracht"