Die Lehre von der Erbsünde und damit die unselige Verbindung von Sexualität und Sünde, sitzen fest im kulturellen Gedächtnis und richten weiter Schaden an. Pfarrerin Thala Linder liest die Bibel historisch-kritisch und findet keinen Sündenfall am Apfelbaum, aber Ermächtigung am Baum der Erkenntnis.
Dass wir den Dreikönigstag wegen der drei Könige Balthasar, Kaspar und Melchior feiern, die dem Stern folgen und das Jesuskind besuchen, feiern, ist fast jedem Kind bekannt. Und die Erwachsenen wissen auch, dass diese Geschichte in der Bibel steht. Doch wenn man nachliest steht nur «da kamen Sterndeuter aus dem Morgenland» (Matthäus 2). Nichts von Königen, nichts von Namen und auch nicht, dass es drei waren.
Auch anderes, das uns biblisch und glaubenswürdig erscheint, ist in der Bibel überhaupt nicht zu finden. Manches mit verheerenderen Folgen als die Legende von Balthasar, Kaspar und Melchior. Zum Beispiel die Lehre von der Erbsünde.
Auf die Frage nach der Erbsünde, können alle die Geschichte erzählen, in der Eva einen Apfel isst, damit eine Sünde begeht und diese auf die ganze Menschheit übergeht. Doch wer genau liest, findet keinen Apfel, sondern eine Frucht vom Baum der Erkenntnis zwischen Gut und Böse, keine Sünde, sondern die Vertreibung aus dem Paradies (1.Mose). Hartnäckig hält sich jedoch die – in den ersten Abschriften nicht vorhandene – Überschrift «Der Sündenfall». Zu verdanken haben wir diese Augustinus: Lebemann, dann Theologe und Bischof. Dieser suchte ein Argument für die damals noch nicht gebräuchliche Kindertaufe. Und er wollte gegen eine Strömung innerhalb des Christentums ankämpfen. Ihre Vertreter waren der Auffassung, dass der Mensch aus eigener Kraft ein schuldfreies Leben führen kann. Denn Augustin, der zeitlebens mit seiner Vergangenheit gehadert hat, war überzeugt, dass der Mensch nur durch die Gnade Gottes erlöst werden könne.
AUGUSTINS LEHRE
VON DER EBSÜNDE
VERZERRT DIE
BOTSCHAFT JESU
Auf beide Diskussionen hat er EINE Antwort gefunden: die Erbsünde. Gott hat den Menschen gut erschaffen, Eva hat Adam jedoch zu Ungehorsam angestiftet. Diese Schlechtigkeit, diese Sünde infiziert seither durch den Trieb den männlichen Samen, geht in die Leibesfrucht über und führt dazu, dass die reine Seele, die Kontrolle über den Körper verliert. So sind alle Menschen von Geburt an SünderInnen. Diese Lehre von der Erbsünde wird im 5.Jahrhundert zur offiziellen Kirchenlehre. Und bahnt damit den Weg zur Abwertung der Frau, der Verteufelung der Sexualität und einem negativen Selbstwertgefühl des Menschen als Sünder*in.
Die biblische Überlieferung geht anders: Der Mensch, Mann und Frau, bleibt gut, wird jedoch aus dem paradiesischen Zustand vertrieben, da er nun zwischen Gut und Böse entscheiden kann. Und muss. Gott begleitet seither die Menschen in allen Versuchen, sich für das Gute zu entscheiden, und wenn der Versuch gescheitert ist, motiviert Gott sie weiterzumachen. In Gleichwertigkeit der Geschlechter, mit Lust und Freude an der Sexualität und aus Lebensfreude, die in Freiheit gründet.
Thala Linder
Februar 2020
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