Martina Jaggi

Sünde

auf den punkt gebraht (Foto: Thala Linder)

Pfarrer Christian Bürki malt den Teufel an die Wand. Warum? Damit wir uns bewusst werden, wo Krieg, Macht, Tod und Teufel sich bündeln und ballen. Und nun bitte keine Handwerkstrupps anfordern, die das Wandbild wegputzen und übermalen. Statt dessen Scheinwerfer auf unsere Schattenseiten und Debatte darüber.


«Man soll den Teufel nicht an die Wand malen», sagt ein Sprichwort, will sagen: Der könnte unerwartet plötzlich Realität werden. Warum so ängstlich? Wandmalereien kann man doch übermalen. Das tun wir denn auch geflissentlich bei teuflischen Angelegenheiten. Wir sagen statt «Massenentlassungen» «ökonomische Restrukturierung», statt «Völkermord» «ethnische Säuberung».

In der Bibel hat das Böse viele Namen: Teufel, Satan, Versucher, Dämon ... Das ist realitätsnah. Das Böse ist ja auch vielgestaltig. Moderne Menschen belächeln mittelalterliche Darstellungen des Bockbeinigen mit Hörnern. Schade, das ist meines Erachtens kurzsichtig. Wir brauchen Bilder des Bösen, damit es wenigstens in unser Bewusstsein vordringen kann. «Mann mit Schnäuzchen und Hakenkreuz» ist ein etwas aktuelleres Bild zum Gehörnten.

WIR BRAUCHEN
BILDER DES BÖSEN


Doch heute sprechen wir lieber unspezifisch «vom Bösen», weil uns der Zugang zu mythologischen Bildern abhandengekommen ist. Da klingt das «Unser Vater» bereits modern, wenn wir dort beten: «... sondern erlöse uns von dem Bösen».
Die Bibel nennt den Versucher «Fürst dieser Welt», was auch heute nicht ganz abwegig ist, wenn man die politischen und wirtschaftlichen Ränkespiele in den Nachrichten verfolgt. Der biblische Teufel jedoch lebt nicht(!) etwa in der Hölle, sondern hat persönlichen Zugang zu Gottes Thron, wo er als Ankläger gegen uns auftritt. Dort bringt er alles zur Sprache, was wir lieber nicht hören wollen: unsere Schattenseiten. Das Böse als blitzgescheiter Advokat, als Advocatus Diaboli – das ist eine provozierende Version des Teufels, die ich gerne als Wandmalerei in unseren Kirchen sähe. Aber dann bitte nicht übermalen, sondern darüber diskutieren.

Pfarrer Christian Bürki
Januar 2019



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