Martina Jaggi

Erwartung

auf den punkt gebraht (Foto: Thala Linder)

Theologische Begriffe klingen zwar im Ohr, aber was sagen sie uns? Einige sind zu weit entfernt von unserem Alltagsleben oder schrecken uns gar mit ihrem urteilenden Gewicht. Auf andern wandeln wir freudig dahin, wie auf einem weichen, kulturell religiösen Teppich. In der Rubrik «Auf den Punkt gebracht» denken TheologInnen in loser Folge über solche Begriffe nach: in reformierter Praxis in aller Vielfalt. Vor Weihnachten macht Gabi Wartmann den Anfang mit «Erwartung».
«Es bedarf der Mensch, der gewöhnlich sein Leben in Zerstreuung und Leichtsinn vor sich hinlebt und immer voraneilt, ohne zu wissen, was ihn eigentlich treibt und was er eigentlich will, in seinem Laufe von Zeit zu Zeit angehalten und zu sich selbst zurückgeführt zu werden; er bedarf eines Steins am Wege, auf den er sich hinsetze und in sein vergangenes Leben zurücksehe.» (Matthias Claudius, 1740–1815)

Da steht er: Der Stein, der mich einlädt, mich hinzusetzen, um auf meinen Lebensweg zu blicken. Dieser Stein heisst Adventszeit. Drei geschenkte Wochen, die die Eile bremsen. Das tut gut. Ich setze mich auf den Stein und atme tief durch. Ich suche in meinem Innern nach den wichtigen Wegmarken in meinem Leben. Da gibt’s die freudigen: Das Leben in der allerersten Wohngemeinschaft nach dem Auszug von zu Hause. Die Heirat mit dem Menschen, den ich liebte. Die Geburten der Kinder. Der ersehnte Abschluss der Ausbildung. Und vieles mehr. Ich sitze auf dem Stein und atme. Da gibt‘s auch das Schmerzhafte: Der Verlust der geliebten Grossmutter, das Auseinanderbrechen der Beziehung, Risse in der Herkunftsfamilie, die nicht heilen wollen.

ERWARTEN –
WARTEN
OHNE ERWARTUNG


Ich atme und sitze und beschliesse, zu bleiben, sitzenzubleiben und zu warten – auf ein Wort von Gott. Ich beschliesse zu warten, so wie Maria auf die Geburt ihres Kindes wartet. Ich will warten ohne Erwartungen, wie sie. Ich beginne zu beten. Was mir von Gott her zukommt, soll mir recht sein. Warten, er-warten ohne Erwartungen – dazu lädt Gott uns in der Adventszeit ein. Er lädt uns ein, auf seine Menschwerdung zu warten, damit wir für die Geburt des Kindes in der Krippe bereit sind – und damit Er Mensch werden kann auch in Dir und mir. Gott lädt uns ein, auf Ihn und sein Wort für uns zu warten. Damit wir nicht als Getriebene ohne Ziel durchs Leben laufen müssen, sondern durchs Leben gehen können, als die Kinder Gottes, die wir sind. In Würde. In Achtsamkeit. Friedfertig und liebevoll.

Ich sitze auf meinem Stein und warte, ohne Erwartungen. Sitze auf dem Stein, auf den mich Matthias Claudius mit seinem wunderbaren Text hingewiesen hat.

Pfarrerin Gabi Wartmann
Dezember 2018



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