«Rechtfertigung» ist ein zentraler Begriff der christlichen Theologie. Im Alltag meldet er sich jedoch vor allem aus dem Rechtswesen. Oder er begegnet uns als Rechthaberei und zermürbt uns als steter Appell in konfliktbehafteten Beziehungen mit andern Menschen. Das macht es nicht einfach zu glauben, dass wir Gott recht sind. Koen De Bruycker nimmt den Begriff jedoch aus der Schuld.
Sich in einer Beziehung rechtfertigen zu müssen, ist schwierig und anstrengend: Man muss dem Gegenüber zeigen, dass man richtig handelt, man muss unter Beweis stellen, dass man Recht hat und gerecht ist. Bei Wiederholung zermürbt es einen Menschen, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Letztendlich führt es zu Rechthaberei, Selbstgerechtigkeit und Moralismus, und auf Dauer zerstört es eine Beziehung. Unfehlbarkeit in einer Beziehung zu erwarten und zu fordern, ist ausserdem nicht fair. Wer selbstkritisch ist weiss, dass er selbst auch nicht perfekt ist.
In der Beziehung zu Gott kann ein Mensch sich gar nicht rechtfertigen. Wie soll ein Mensch sich gegenüber Gott rechtfertigen? Durch Leistung, Taten, Geld, Busse? Dieses Streben ist zum Scheitern verurteilt. Nie-mals gelingt es einem Menschen. Immer kommt der Zweifel in ihm hoch, ob er Gott wirklich genügt. Das Resultat ist oft, dass er sich noch mehr anstrengt und in einen Teufelskreis gerät. Einerseits kann diese Realität uns Menschen befreien: Warum soll ich etwas anstreben, das unmöglich ist? Es hilft mir, mit Gelassenheit das Leben anzunehmen und zu meiner Menschlichkeit zu stehen. Andererseits kann diese Realität uns Menschen see-lisch belasten. Wie soll ich Gottes Liebe verdienen, wenn dies nicht machbar ist? Es löst ein Gefühl der Ohnmacht aus und ich fühle mich als Opfer meiner Menschlichkeit.
WER MÖCHTE SICH
SCHON STÄNDIG
RECHTFERTIGEN?
Zum Glück muss ich mich in meiner Beziehung zu Gott aber nicht mit Leistung, Taten, Busse oder Geld rechtfertigen. Der Kern der frohen christlichen Botschaft ist genau, dass von Gott her durch seine Menschwerdung, das Kreuz und die Auferstehung die Unmöglichkeit der Rechtfertigung überwunden ist und ich mich nicht mehr rechtfertigen muss. Gott hat ein für alle Mal sein Ja in Jesus Christus zu mir gesprochen: Gott liebt mich mit meinen Fehlern und ohne meinen Verdienst. Dies verstehen, kann ich kaum, aber glauben schon, indem ich Gott nicht mit Menschlichkeit überlade, sondern Gott wirklich Gott sein lasse.
Pfarrer Koen De Bruycker
Februar 2019
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