Martina Jaggi

Lamm Gottes

auf den punkt gebraht (Foto: Thala Linder)

An Ostern ist das Lamm überall präsent, als Biscuitlamm oder Lammbraten, als Bild in unserer Vorstellung. Es gehört zur gelebten Tradition und Kultur auch für Menschen, die nicht glauben. Wofür aber steht das «Lamm Gottes», das wir als Sujet und Symbol von Jesus Christus in Giebeln und auf Fenstern unserer Kirchen sehen? In ihrem Beitrag zu theologischen Begriffen sagt uns Pfarrerin Gabi Wartmann, wie Sie zum «Lamm Gottes» Zugang fand.
Vor einigen Jahren besuchte ich während meiner Ferien in Sizilien die Stadt Agrigent. Hier reihen sich Tempel an Tempel – griechische und römische – fast so, wie sich an der Zürcher Bahnhofstrasse die Einkaufsgeschäfte aneinanderreihen: Da stehen die Tempel von Konkordia, Juno, Herkules, Jupiter, Dioskur und Vulkan dicht an dicht. Zu jedem Tempel gehören Altäre, auf denen den Göttern Opfertiere «dar gebracht», geschlachtet und verbrannt wurden. Als ich durch diese Tempelanlagen ging, war es mir, als könne man das vergossene Blut und versengte Fleisch der Tiere noch riechen, als könne man ihre Schreie noch hören.

In der Antike versöhnte man sich mit Gott und den Göttern durch Opfer. Auch in Jerusalem stand zur Zeit Jesu ein Tempel. Ein einziger. Und auch dort opferten Menschen ihrem Gott Tiere. Dieses kulturelle Umfeld muss man sich bewusst machen, wenn man von Jesus als dem «Lamm Gottes, das die Sünd’ der Welt trägt» hört. Paulus interpretierte den Tod Jesu am Kreuz als Opfertod. Bei ihm wird Jesus zum Lamm, das für alle Menschen und ihre Vergehen geopfert wird und dessen Opfertod allen anderen Opfern auf allen Altären dieser Erde ein Ende setzt.

In diesem historisch-kulturellen Umfeld ergibt das Bild von Jesus als Lamm Gottes für mich einen Sinn. Jedoch finde ich es schwierig, es in unsere Zeit hinüberzunehmen. Jesus als Opferlamm erschliesst mir die Wahrheit des stellvertretenden Todes am Kreuz nicht. Da brauche ich andere biblische Hilfe, um zu verstehen. Beim Evangelisten Markus werde ich fündig. Sein Jesus betet am Kreuz: «Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?» Hier stirbt Jesus einen gottverlassenen Tod. Stellvertretend für mich nimmt Jesus mein Getrenntsein von Gott auf sich.

DAS LAMM GOTTES
ALS ERLÖSUNG VOM
OPFERZWANG


Seit ich zum stellvertretenden Sterben Jesu Christi durch das Markus-Evangelium einen neuen Zugang habe, kann ich auch vom «Lamm Gottes» wieder froh und dankbar singen. Und denke beim Singen an meine Schwestern und Brüder im Glauben, die vor 2000 Jahren den Tod Christi am Kreuz als persönliche Erlösung erlebten. Und als Erlösung vom Zwang, in den Tempeln den Göttern zu opfern.

Pfarrerin Gabi Wartmann
März 2019



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