In der faktischen Wirklichkeit hat Auferstehung keinen Platz. Beim wissenschaftlichen Realitätscheck fällt sie durch und wird als Wunder abgetan. Öffnen wir aber den Blick für verschiedene Wirklichkeiten, kann sie wahr werden: Wir feiern sie an Ostern und erleben sie im Alltag. Pfarrerin Thala Linder, historisch-kritisch geschult, beschreibt, wie sie zu diesem Glauben kam.
Wenn ich an Auferstehung denke, sehe ich vor mir einen ausgestreckten Zeigefinger. Jean Zumsteins Zeigefinger. Bei ihm habe ich an der Uni Zürich die Vorlesungen zum Neuen Testament besucht. Er hat uns gelehrt, wie man mit der historisch-kritischen Methode biblische Texte auslegt. Historisch, weil man auf den geschichtlichen Hintergrund schaut, kritisch, weil man sie mit aufgeklärtem Verstand liest.
Dieser sieht keine Wunder vor. Keine Dinge wie eine Auferstehung. Gemäss historisch-kritischen Theologen – so lehrte er uns – sei die Verkündigung der Auferstehung Jesu folgendermassen entstanden: Die Jünger und Jüngerinnen standen unter Schock, sie konnten nicht akzeptieren, dass der, von dem sie die Befreiung von den Römern, ja das Heil für die ganze Welt erwarteten, gekreuzigt wurde. Denn damit hätte sich ihr Vertrauen enttäuscht und alles, was Jesus verkündigt hat, an Glaubwürdigkeit verloren. Also hätten sie die Auferstehung erfunden, die dem Kreuzestod einen Sinn gab. Nachdem Jean Zumstein uns diese Erklärung präsentiert hatte, hat er kurz innegehalten. Sonst immer sehr sachlich, hat man gemerkt: Jetzt kommt etwas Wichtiges. Er hat den Zeigefinger in die Luft gestreckt und mit seinem französischen Accent laut und deutlich gesagt: «Aber an die Auferstehung, an die Auferstehung glaube isch trotz dem!»
AUFERSTEHUNG
IST MÖGLICH,
TAGTÄGLICH
In Momenten, als ich mit meinem Leben in einer Sackgasse gelandet zu sein schien, als Schicksalsschläge, Trauer und Scheitern mich zu überwältigen drohten, da habe ich diesen Zeigefinger vor mir gesehen und von irgendwo habe ich vernommen: «Auferstehung ist möglich.» Ja, ich glaube an die Auferstehung, die tagtägliche. Ich glaube, dass aus Situationen, die für uns wie das Ende von allem aussehen, mit der Hilfe Gottes geheimnisvoll ein Neuanfang werden kann. Jesu Auferstehung ist für mich die Antwort auf die Frage, wie wir mit unserem Scheitern umgehen können. Ob Jesus leibhaftig oder in den Herzen der Menschen auferstanden ist, spielt für meinen Glauben an die Auferstehung keine Rolle – wobei für mich die Vorstellung, dass irgendjemand die Auferstehung erfunden hat und sie alle geglaubt haben, absurder ist, als die Vorstellung, dass Gott tatsächlich den Tod überwunden hat.
Der Glaube an die Auferstehung macht mich handlungsfähig – im Persönlichen, aber auch in dem, was eine Gemeinschaft oder die ganze Welt betrifft – denn der Auf erstehungsglaube lässt mich, lässt uns mit Gott rechnen, wo der Mensch allein nicht weiterkommt.
Pfarrerin Thala Linder
April 2019
Hier geht es zu allen
» "Auf den Punkt gebracht"