Martina Jaggi

Gnade

auf den punkt gebraht (Foto: Thala Linder)

In der Rechtsprechung gilt Gnade als willkürlich und freiwillig – und ist nicht immer gerecht. Als begnadet bezeichnen wir Menschen mit besonderen, nicht antrainierten Fähigkeiten, was der theologischen Betrachtung schon näher kommt. Pfarrer Samuel Stucki führt uns zu Gnade als Vertrauen und Erleben jenseits der Steuer- und Vermarktbarkeit. Gnade als etwas Widerständiges.
Gnade ist ein schönes Wort. Ich liebe seinen Klang. Aber wo hat Gnade heute noch Platz? Die Reformation vor 500 Jahren entzündete sich an der einen Frage Martin Luthers: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Mit dieser Frage wurde der Mensch auf einen Schlag mündig, selber vor Gott stehen zu können. In heutigen Worten würde die Frage Luthers lauten: Wie bekomme ich ein freies Herz?

Gnade ereignet sich jenseits vom Machbaren und Berechenbaren. In einer Welt, die unser Leben über Algorithmen zu definieren und zu steuern sucht, hat es Gnade schwer. Der Algorithmus, der uns ständig auflauert, baut auf meinem Verhalten auf und berechnet mein Leben aufgrund des Vergangenen, des Alten. Gnade hingegen ist frei, unverdient. Gratis. Gnade kann durch kein menschliches Streben, durch keine Selbstfindung ermöglicht oder erzwungen werden. Gnade beruht auf dem Wirken Gottes, jenseits aller menschlichen Erwartungen. Wer Gnade erfahren will, der braucht die Fähigkeit, etwas Grösseres anzuerkennen, das über ihn hinausweist. Gnade ist kein Vertrauen auf etwas Bestimmtes, dass sich zum Beispiel meine Wünsche erfüllen, oder Befürchtungen nicht eintreffen. Was auch passiert, es darf geschehen. Gnade ist unfassbare Offenheit und Hingabe.

GNADE IST FREI.
KEINE CHANCE FÜR
ALGORITHMEN!


Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Mit dieser Frage steht jeder Mensch selber vor Gott, und damit auch in mancher Hinsicht alleine. Eine schnelle Antwort bleibt aus. Wer will schon ermessen, wie Gott wirkt? Die kleinlauten Worte des Psalms sind mir nahe: «Dein Weg ging durch das Meer und dein Pfad durch grosse Wasser; doch niemand sah deine Spur», Psalm 77, 20. Auch wenn ich Gottes Spur auf der Erde nicht erkenne, auch wenn sein Licht im Leben oftmals nicht hell leuchtet, so ist in mir das Vertrauen lebendig.

Ich glaube an die Möglichkeiten Gottes. Seine unerwartete, gnadenvolle Möglichkeit. Vertrauen in die Gnade Gottes ist etwas, was zu jeder Zeit geschieht. In der täglichen Stille, im Unterwegssein in der Schöpfung, beim Betrachten eines Films, im Lesen eines Buches; manchmal vermittelt durch einen Menschen, der Gnade erfahren hat. Gnade kann ich nicht erzielen, sie erfolgt, sie kann mir entgegen kommen. Gnade nährt sich aus der Kraft Gottes und meinen inneren seelischen Quellen. Gnade ist in Freiheit möglich, ebenso wie die Liebe. Die beiden sind Zwillingsschwestern. Algorithmus oder Gnade? Gnade! Ich liebe dieses Wort, seinen Klang, seine Verheissung.

Pfarrer Samuel Stucki
Juli 2019



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