Martina Jaggi

Gericht

auf den punkt gebraht (Foto: Thala Linder)

Was wäre unerträglicher als Gleichgültigkeit gegenüber unserem Sein, Tun und Lassen, gegenüber Ungerechtigkeit, die wir schaffen und an der wir leiden? Das göttliche Gericht ist nicht Drohung, so Pfarrerin Gabi Wartmann, sondern die Möglichkeit, sich zu prüfen, um Vergebung zu bitten und Gnade zu erfahren.

Im November 1986 wurde zur Einweihungsfeier der renovierten Klosterkirche Königsfelden (Windisch, AG) das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart aufgeführt. Das Fernsehen SRF übertrug die Aufführung. Zwischen den einzelnen musikalischen Sätzen las der Schriftsteller und Maler Wolfgang Hildesheimer Texte unter dem Titel: «Herr, gib ihnen die ewige Ruhe nicht!», Texte, die er geschrieben hatte unter dem Eindruck der brennenden Chemielager von Schweizerhalle und der AKW-Katastrophe von Tschernobyl. Wie ein Gerichtsprophet klagte Hildesheimer an: «Ich wünschte, ich wäre gläubig», sagte er, «und sei es auch nur für die Dauer dieses Requiems, um immer wieder sagen zu können: Herr, gib ihnen die ewige Ruhe nicht! Sie haben die Zukunft ihrer Nachkommen auf dem Gewissen. Sie sind dabei, die Schöpfung systematisch zu ruinieren. Sie berauben dich, und sie berauben uns …, und sie rotten die Tiere aus, deine Tiere!»

Zu Hause sassen wir gebannt vor dem Fernseher, und die Menschen, die in der Kirche anwesend waren, standen betroffen da: Es gab im ganzen Raum, wie das im Mittelalter üblich war, keine Bänke oder Stühle. Das Publikum stand und hörte – stand und hörte, als wäre es im Gericht. Mir hat sich dieser Abend ins Gedächtnis eingebrannt, denn: Ich glaube, ja! Aber glaube ich an ein Gericht? Glaube ich daran, dass Gott Gerechtigkeit schafft über dieses Leben hinaus? Glaube ich daran, dass Gott den Fremden, den Waisen und Witwen Recht schafft (5. Mose 10,18) – wenn nicht in dieser, dann in der nächsten Welt? Glaube ich, dass wahr ist, was Jesus sagt: «Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden»? (Matthäus 5,6) Glaube ich, dass wir alle einmal vor Gott stehen werden – so, wie die Menschen vor Wolfgang Hildesheimer standen, und dass wir in SEINEM Licht und IHRER Liebe unser Leben anschauen werden?

HERR, GIB UNS
DIE EWIGE RUHE,
ABER NICHT OHNE
GERICHT


Ja, ich will glauben, dass auch ich einmal, vor Gott und mit Gott, all die kleinen und grossen Gemeinheiten, die ich tat, all meine Lieb- und Humorlosigkeiten anschaue; dass Gott mich hinweisen wird auf all die Sünden, die ich an Mensch und Tier und Pflanzenwelt begangen habe: Aus Faulheit, aus Egoismus, aus Ignoranz. Ich will glauben, dass ich dann, im Licht der Liebe Gottes und im Namen Jesu Christi um Vergebung bitten darf. Und dass mir diese Vergebung geschenkt wird. Weil Gott sich dazu entschieden hat, in Christus gnädig zu sein mit mir. Ich will das glauben! Weil für mich ein Leben ohne göttliches Gericht unerträglich ungerecht ist! Darum: Doch, Herr, gib uns die ewige Ruhe! Aber nicht ohne Gericht, das schmerzen und läutern wird und in dem wir all unsere Schatten in Dein Licht stellen dürfen.

Gabi Wartmann Pfarrerin
Oktober 2019



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