Unser Alltag ist durchgetaktet und wir leben ihn in umrissenen Räumen an lokalisierbaren Orten. Da fällt es schwer, Ewigkeit zu fühlen oder gar die Ewigkeit Gottes zu erfahren, die weder Raum noch Zeit kennt. Auch wenn Sie nicht Krawatte tragen: Die Gedanken von Pfarrer Otfried Pappe inspirieren Ihre Suche nach Erfahrungsbildern für Ewigkeit im Leben.
Das dauert ja wieder ewig, denke ich genervt, und knote meine Krawatte erneut vor dem Spiegel. Sie sitzt noch immer nicht, nach einer halben Ewigkeit aber ist es dann geschafft. Halbe Ewigkeit? Was für ein Unsinn mir manchmal durch den Kopf geht. Ewig hat weder Anfang noch Ende und ist somit unteilbar. Und doch verwenden wir diesen Begriff häufig in unserem Alltag, der seinen Ursprung im Althochdeutschen «ewe» – langes Leben – hat. Noch einmal ein kurzer Blick in den Spiegel, die Krawatte sitzt heute wirklich prima. Das müsste immer so sein, und schon bin ich wieder bei immer und ewig.
Für die alten Griechen war Ewigkeit ein veränderungsloser Zustand, also keine Zeit, denn Zeit bedeutet Veränderung. Für meine Krawatte wäre das eine tolle Sache. Aber in weniger als einer Stunde stehe ich mit Trauernden an einem Grab und dann werde ich die Worte des 121. Psalms zitieren: «Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigkeit!» Ausgang aus dem Leben und Eingang in die Ewigkeit. Und die ist im biblischen Sinne identisch mit Gott. In Gottes Zeitlosigkeit bleibt sein Heil ewiglich, und seine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen (Jesaja 51,6). Im Vertrauen auf Jesus Christus haben wir Anteil an dieser Ewigkeit (Johannes 3,15). Ich greife nach meiner Tasche, der Talar liegt schon über dem Arm, und ich mache mich auf den Weg zum Friedhof.
EWIGKEIT: WELCHE
BILDER? WELCHE
ERFAHRUNGEN?
Mit jedem Schritt suche ich nach einem Bild, das die Ewigkeit Gottes spürbar in mein Leben trägt. Physikalisch kennt Ewigkeit weder Raum noch Zeit, alles ist gegenwärtig und unmittelbar. Wenn also in Gott Raum und Zeit aufgehoben sind, ist Gott uns in allem nahe. Diese unmittelbare Nähe erfahre ich in der Liebe. Sie übersteigt Mauern, baut Brücken und bietet dem Tod die Stirn. Solche Nähe gibt Wärme, lässt Geborgenheit spüren und die Schönheit des Lebens fühlen. Gott ist zeitlose, ewige Liebe, die nicht von der Sinuskurve der Gefühle ab hängig ist. Kurz vor dem Friedhof taste ich nach meiner Krawatte, sie sitzt noch.
Pfarrer Otfried Pappe
November 2019
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