Martina Jaggi

Jungfrauengeburt

auf den punkt gebraht (Foto: Thala Linder)

Wie die Jungfrau zum Kind kamen wir zu diesem Text nicht durch Zufall und ohne unser Zutun. Im MitarbeiterInnen-konvent sprechen die AutorInnen die Themen für die Reihe zu theologischen Begriffen ab. Pfarrerin Gabi Wartmann lässt sich – weitab von Diskursen mittelalterlicher Scholastik oder heutiger Reproduktionstechnologie – auf eine kreative, dialogische Lesart der Jungfrauengeburt ein.

«Ich bin es – und ich bin es nicht.» Mit diesen Worten beschreibt Lutz Seiler, Romanautor und Lyriker, kreative Prozesse. Und er meint damit: Ein neuer Gedanke, ein neuer Vers, ein neues Menu, eine Lösung für ein altes technisches Problem entsteht. Dieses Neue, das kommt aus dem Menschen selber: Er, sie schafft das Neue. Und gleichzeitig ist da auch die Wahrnehmung: «Ich weiss gar nicht, woher dieses Neue genau kommt. Es kommt zwar aus mir, doch kenne ich seinen Ursprung nicht ganz. Etwas, das nicht einfach identisch ist mit mir, arbeitet in mir. Und so bin ich es, die Neues schafft – und zur gleichen Zeit bin ich es auch nicht.»

«Ich bin es nicht!» – Das würde Maria wohl über ihren grossen kreativen Prozess, über ihr Schwanger-Werden und Kind-Austragen sagen. «Wie soll das geschehen, wo ich doch von keinem Mann weiss?», lässt der Evangelist Lukas sie fragen (Lk 1,34). Maria erlebt ihre Schwangerschaft als etwas, das an ihr geschieht. Ausser ihrer Einwilligung in dieses Geschehen braucht es nichts von ihr. «Ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast», sagt sie zum Engel (Lk 1,37). Aber auf diese Weise, durch ihre Einwilligung, wird sie doch Teil des kreativen Prozesses. Sie ist es nicht – und sie ist es doch, die zur Menschwerdung Gottes in dieser Welt beiträgt.

Ich glaube, dass die Geschichte der Jungfrauengeburt gerade keine Bewertung von Sexualität enthält, dass sie uns gerade nicht davon erzählt, dass der sexuelle Zeugungsakt umgangen werden muss, um Jesus von der Sünde rein zu halten. Sondern ich glaube, dass uns diese Geschichte davon erzählt, wie Gott in uns Menschen schöpferisch am Werk ist. Nicht nur in Maria, sondern in jedem Menschen.

DIE GESCHICHTE DER
JUNGFRAUENGEBURT
ERZÄHLT, WIE GOTT IN UNS
SCHÖPFERISCH AM WERK IST


Und so lädt uns Maria dazu ein, achtsam zu werden. Achtsam zu werden für die leise Stimme Gottes. Achtsam zu werden für die feinen Regungen in unserer Seele, die uns anzeigen: Hier möchte Gott in uns schöpferisch tätig werden. Möchte SIE uns wandeln. Möchte ER Neues werden lassen. Maria lädt uns mit ihrem Vorbild dazu ein, achtsam zu sein für Gott, der in allen Menschen Mensch werden will. Die Hauptarbeit wird Gott erledigen. Wir müssen sie nicht selber tun. Aber unsere Einwilligung dazu, die braucht es. Wir sind es nicht – und wir sind es!

Pfarrerin Gabi Wartmann
Dezember 2019



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