Die Gottebenbildlichkeit des Menschen in der Schöpfungsgeschichte und das Gottesbildnisverbot im 2. Gebot reiben sich aneinander und noch schwerer sind sie zusammen zu denken. Beim Zähneputzen sinniert Pfarrer Otfried Pappe über die ambivalente Kraft von Bildern und die Beziehungsarbeit Gottes und der Menschen.
Heute muss ich unbedingt den Artikel über den Begriff «Abbild Gottes» schreiben, denke ich am Morgen und schaue mir dabei im Spiegel beim Zähneputzen zu. Wirklich, soll der Mensch ein Abbild Gottes sein? Mein Spiegelbild zwinkert mir zu und schon muss ich über den Gedanken schmunzeln, was mit einer Zahnbürste im Mund gar nicht so einfach ist.
ABBILD GOTTES?
MEIN SPIEGELBILD
ZWINKERT MIR ZU
Der Mensch kommt nicht ohne Bilder aus, die er sich nicht nur von der Welt macht. Auch der Glaube braucht Bilder, weil er nicht blind leben kann. Ein bilderloser Glaube ist ein trostloser Glaube. In den Grenzerfahrungen des Lebens drängt die Sprache in unsere Bilderwelt, die uns hilft, über unverdientes Glück und tiefste Trauer zu reden oder von Sehnsucht und Schmerz zu erzählen. Wir fliehen in Sprach-Bilder, wenn unsere Sprache keine eigenen Worte findet. Bilder können aber auch festlegen, in die Irre führen und eine zerstörerische Kraft entfalten. Vielleicht liegt in dieser ambivalenten Kraft das Verbot begründet, sich kein Bild von Gott zu machen, noch von dem, was oben im Himmel und unten auf der Erde ist (2. Mose 20, 4).
Moment, unterbricht mich mein Spiegelbild in diesem Augenblick, hat denn nicht Gott damit angefangen und den Menschen nach seinem Bilde, dem Bilde Gottes, geschaffen? Aber nicht als Spiegelbild, antworte ich triumphierend. Der Mensch ist als Mensch schlechthin Ebenbild Gottes, also allein sein Dasein macht ihn dazu. Durch den Schöpfungsakt, der sich in Tat und Wort ereignet, offenbart sich Gott als Gott-in-Beziehung und so schafft er den Menschen als Mann und Frau (1. Mose 1, 26–27). Und so soll der Mensch leben, in Beziehung von Mensch zu Mensch. Darin wird seine Ebenbildlichkeit sichtbar.
ALLEIN DAS DASEIN
MACHT UNS ZUM
EBENBILD GOTTES
Warum aber, und dabei kratzt sich mein Spiegelbild nachdenklich an der Stirn, soll sich der Mensch bei so viel Ab- oder Ebenbildlichkeit kein Bild machen? Weil auch unsere Bilder ihre Grenzen haben und wir letztlich mit jedem Bild Gott, aber auch andere Menschen auf ein Bild festlegen. Gottes Gegenwart dagegen ist unabhängig von unseren Bildern. Und Weihnachten?, fragt mein Spiegelbild hartnäckig nach. Weihnachten ist das Spiegelbild unserer Sehnsucht nach Gott und die grosse Absage an alle Abbilder.
Pfarrer Otfried Pappe
Dezember 2020
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