Koen De Bruycker stellt die Frage nach der Nächstenliebe. Eine Geschichte, die ihn seit seiner Kindheit begleitet, definiert den Nächsten bar jeder theoretischen Überlegung.
Dazu, was die Grundhaltung eines gläubigen Menschen zu seinem Mitmenschen sein soll, äussert sich die Bibel pointiert. Das Liebesgebot formuliert es prägnant: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Mk 12, 31)
Doch ruft es in all seiner Klarheit und Einfachheit eine grosse Frage auf: Wer ist nun mein Nächster? In der globalisierten Welt hat die Frage eine zusätzliche Dimension bekommen: Sind die Flüchtlinge auf den griechischen Inseln meine Nächsten? Sind die indigenen Völker in Brasilien, die durch die Rodung des Regenwaldes ihr Land verlieren, meine Nächsten? Sind die durch Corona gefährdeten Mitmenschen meine Nächsten? Schwierige Fragen, die von vielen Seiten beleuchtet und auf verschiedene Weisen beantwortet werden können.
WER IST NUN MEIN
NÄCHSTER?
Schon Jesus wurde damals mit dieser Frage konfrontiert. Ein Theologe, der sich auf die Auslegung der biblischen Gesetze spezialisiert hat, fragt ihn konkret: Wer ist mein Nächster? Statt mit einem Diskurs zu antworten, erzählt Jesus wie so oft eine Geschichte. Seit meiner Kindheit fasziniert mich ebendiese Geschichte. Mit dem barmherzigen Samariter (Lukas 10, 25–37) führt Jesus vor Augen, dass die Frage nach dem Nächsten nicht theoretisch beantwortet werden kann. Die Antwort entsteht immer neu aus einer konkreten Situation. Wer der oder die Nächste ist, ist unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Ideologie oder Religion. Ein realer Hilferuf macht mich zum Nächsten, keine theoretischen Überlegungen.
Mit anderen Worten: Bist du auch wie der Samariter in der Geschichte bereit, der oder die Nächste eines Mitmenschen zu werden, der wirklich in Not ist? Ohne zu überprüfen, ob dieser Mitmensch deinen Kriterien vom Nächsten entspricht?
Koen De Bruycker
Pfarrer
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