Wann fühlen Sie sich frei und wo erfahren Sie sich unfrei? Immer wieder neu über Freiheit nachzudenken, ist notwendig, um sie zu erkennen. Und es ist spannend. Pfarrer Otfried Pappe tut dies hier in der Unfreiheit eines Auftrags mit Termin und beschränkter Zeichenzahl, aber mit aller Freiheit, den Gedankenraum zu füllen.
Das habe ich mir aber nicht gut überlegt. Über den Begriff «Freiheit» in wenigen Sätzen schreiben, macht mich gerade sehr unfrei, andererseits, wenn ich es recht bedenke, habe ich die Freiheit, zu schreiben was sie für mich bedeutet. Wunder-bar könnte ich über den strukturellen und systembedingten Mangel an politischer, gesellschaftlicher und persönlicher Freiheit in der ehemaligen DDR reden, denn dort habe ich die ersten fast drei Jahrzehnte meines Lebens verbracht. In diese Zeit aber fällt ebenso die Erfahrung einer inneren Freiheit durch und im Glauben, die nicht zuletzt in einen Widerspruchsgeist oder zumindest in eine klare Abgrenzung gegenüber dem herrschenden System mündete. Aber erklärt Abwesenheit von Freiheit, was Freiheit wirklich ist?
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 hält in ihrem 1. Artikel fest: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.» Freiheit hat Würde und Gerechtigkeit für alle Menschen im Schlepptau, es gibt sie nicht zum Nulltarif und nicht nur für mich allein. Da frage ich mich unwillkürlich, ob ich dann überhaupt hier in Freiheit leben kann, wenn Menschen an anderen Orten in würdelosen und ungerechten Verhältnissen leben müssen?
Diese Frage verunsichert mich sehr, aber ihre Beantwortung ist wichtig, denn sie sagt etwas über den Wesenszug von Freiheit aus. «Zur Freiheit hat uns Christus befreit!», schreibt Paulus im Galaterbrief (5,1). Es geht ihm um die Freiheit, sich ohne Vorbedingungen Gott zuzuwenden. Ich benötige keinen Leistungsnachweis, Gott nimmt mich als Mensch um meiner selbst willen an. Und Gott wendet sich mir ebenso voraussetzungslos und in Freiheit zu. In dieser Zuwendung, die allen Menschen gilt, wird für mich etwas von dem Wesen der Freiheit sichtbar: Sie gilt bedingungslos allen Menschen.
DIE FREIHEIT, SICH GOTT ZUZUWENDEN,
ERFORDERT KEINEN LEISTUNGSNACHWEIS
Wir leben also in der Freiheit, der Freiheit Gesicht, Gestalt und Würde in der Welt zu geben. Es ist eine Freiheit in Verantwortung und damit Gott sei Dank keine grenzenlose. Denn grenzenlose Freiheit mündet in Willkür. Darum ist auch die Zeichenzahl dieser Kolumne begrenzt, aber über Freiheit nachzudenken ist grenzenlos.
Pfarrer Otfried Pappe
April 2021
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