Demut kennt keinen Kanon und ist kein biblisches Gebot. Der Weg von Selzach aufs Brüggli führt Pfarrer Otfried Pappe aus dem Nebel an die Son-ne: Staunen, geniessen, sich berühren lassen von menschlicher Wärme und göttlicher Schöpfung. Demut ist seine Haltung, das Geschenk, Teil zu sein und Anteil zu haben, dankbar zu erkennen.
Der Nebel hatte sich wieder einmal am Jurafuss festgebissen und der Schein der Sonne war nur noch eine blasse Erinnerung vergangener Tage, als wir mit Freunden am Neujahrstag hoch zum Brüggli wanderten. Die Webcam versprach Sonne, und schon auf halbem Weg wurde das Versprechen eingelöst. Zu Füssen eine Wolkendecke, der Blick allein begrenzt durch das Alpenpanorama am Horizont, schaute ich in die Welt, verspürte ein demütiges Gefühl in mir, und war nicht ganz glücklich über meine sentimentalen Regungen. Ein paar Tage im Nebel haben mir doch bisher noch nie etwas ausgemacht, aber am Neujahrstag wanderte die Demut mit. Dienen und Mut vereint der Begriff in sich und weist auf eine Beziehungsebene hin.
«Demut kann nicht schaden!», hielt meine Grossmutter ihren Enkeln oft entgegen, wenn diese ihrem Wort nicht folgten. Mit Schoggi aber war sie wesentlich erfolgreicher auf der Beziehungsebene mit ihren Enkeln unterwegs als mit mahnenden Worten. Ganz offensichtlich ist sie selber nicht mit der Unterscheidung von Demut und Gehorsam aufgewachsen. Soziale Demut, die eine Beziehungsebene markiert, hatte mich auf dem Weg zum Brüggli sicher nicht gepackt. War es etwa religiöse Demut beim Blick in die Ferne, die mich ergriffen hatte? Ich war mir nicht sicher, verlangt diese doch, einer überpersönlichen Ordnung zu dienen und die eigenen Interessen unterzuordnen. Wir aber waren nur auf dem Weg auf einen Berg, um der Sonne nach vielen Nebeltagen ein kleines Stück näher zu sein.
DEMUT IN BEZIEHUNG
IST DAS GEGENTEIL
VON GEHORSAM
Und doch stellte sich von selbst ein Gefühl von Demut auf dem Weg ein, den wir langsam und genuss-voll gingen; immer waren wir bereit, einen kleinen Halt einzulegen, um den Blick zu geniessen oder staunend die verkrallten Wurzeln eines Baumes zu betrachten, die sich scheinbar im blanken Felsen verankerten. Begleitet von guten Gesprächen kamen wir zum Oberen Brüggli und freuten uns, noch freie Plätze in der Beiz zu finden. Es war ein wunderbarer Nachmittag, an dem mich die Schönheit der Schöpfung Gottes und menschliche Wärme berührt haben. Dank-bar und nicht ohne Demut habe ich dieses Geschenk angenommen.
Pfarrer Otfried Pappe
März 2020
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