Auffahrt, gemeinhin präsentiert als die Rückkehr Jesu Christi als Sohn Gottes zu seinem Vater im Himmel, beruhigt die klassische Familienvorstellung und regt immer wieder an zu aerodynamisch inspirierter Kunst und Kitsch. Pfarrerin Thala Linder öffnet eine andere Perspektive und lenkt den Blick vom Geschehen im Himmel zu unserem Tun und Lassen.
Kürzlich hab ich es laut auszusprechen gewagt: «Manchmal wär ich gerne wie ein Kind. Dieses Gefühl, dass da ein Mami ist, das Verantwortung übernimmt, mir sagt was ich tun soll.» Zu meinem Erstaunen meinte meine Freundin: «Ja, das kenne ich.» Als Kind und als Jugendliche kann es nicht schnell genug gehen, bis wir endlich selber über unser Leben entscheiden können. Als Erwachsene lastet dann die Verantwortung auf uns.
Während meines Theologiestudiums wurde ich immer wieder von Bekannten herausgefordert, die meinten, dass der Glaube an Gott doch nur ein Abgeben der eigenen Verantwortung in der Welt sei. «Im Gegenteil», war da jeweils meine Antwort. Und Auffahrt ist für mich der Feiertag, an dem uns das bewusst gemacht wird.
Lukas erzählt am Anfang der Apostelgeschichte in einem kurzen Satz, wie Jesus den Blicken seiner FreundInnen entzogen wird: «Vor ihren Au-gen wurde er emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf.» (Apostel-geschichte 1,9) Daraus entstand die Idee, dass Jesus emporgehoben wurde, um zur Rechten Gottes auf einem Thron im Himmel Platz zu nehmen. Davon ist bei Lukas nicht die Rede – im Gegenteil: Jesus geht nicht auf die Frage seiner Jünger ein, wann er seine Herrschaft er-richten werde, stattdessen meint er: «Ihr werdet aber Kraft empfangen und ihr werdet meine Zeugen sein.» (Apg 1, 9) Die Jünger und Jüngerinnen scheinen diese Verantwortung lieber nicht übernehmen zu wollen, sie bleiben erstarrt stehen, starren in den Himmel.
AUFFAHRT MEINT,
VERANTWORTUNG
ZU ÜBERNEHMEN,
FÜR MICH, FÜR UNS
Die Versuchung ist gross, eine Antwort, eine Anweisung von oben zu erwarten, sich tatenlos nach innen zu kehren, statt in der Welt Verantwortung zu übernehmen. Da braucht es die Frage: Was steht ihr da und schaut hinauf zum Himmel? (Apg 1, 11). Erst da bewegen sich die FreundInnen Jesu, kehren zurück nach Jerusalem. Dort harren sie aus, bis sie an Pfingsten Kraft empfangen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, aktiv zu werden.
Die Verantwortung für unser Leben, das Zusammenleben in der Welt nimmt uns keine Bibel, keinE PfarrerIn, keinE ChefIn – und auch kein Mami – ab. Wir alle tragen sie. Gemeinsam. Mit Hilfe der Kraft, die auch wir empfangen.
Pfarrerin Thala Linder
Mai 2020
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