Martina Jaggi

Vergebung

auf den punkt gebraht (Foto: Thala Linder)

Schuld und Vergebung gehören zur Grunderfahrung des Menschseins. Ein einfaches «Sorry» ist damit nicht gemeint. Elsbeth Hirschi Glanzmann beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Vergebung und rät, sich auch von Selbstvorwürfen zu befreien.
Im «Unser Vater» kommt das Wort «vergeben» gleich zweimal vor: «Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.» Darin nehmen wir zwei verschiedene Rollen ein: Zuerst sind wir als Schuldige darauf angewiesen, dass uns vergeben wird. Danach sollen wir genauso handeln und auch andern ihre Schuld vergeben.

«Tschuldigung», «sorry». Wie schnell geht uns das meistens von den Lippen. Doch die Bitte um Vergebung geht tiefer und setzt ein Schuldbekenntnis voraus. Das bedeutet, sich selber den Fehler einzugestehen, ihn offen auf den Tisch zu legen und dadurch zu dem zu stehen, was geschehen ist, und nicht andern die Schuld zuzuweisen. Als Menschen machen wir Fehler, ob bewusst oder unbewusst. Als solche sind wir auf Vergebung angewiesen.

MENSCHEN MACHEN FEHLER UND
SIND AUF VERGEBUNG ANGEWIESEN


Vergebung heisst jedoch nicht, dass wir munter so weitermachen wie bisher und womöglich die gleichen Fehler wiederholen. Vergebung ermöglicht uns, unsere Fehler zu überdenken, daraus zu lernen und unser Verhalten zu ändern. Vergebung macht den Fehler nicht ungeschehen oder dass man ihn vergessen kann: Wenn jemand durch die Schuld eines anderen zu Tode kommt, wird er nicht wieder lebendig, auch wenn dem Schuldigen vergeben wird. Aber erst die Vergebung ermöglicht es dem Schuldigen, weiterzuleben, ohne von der Schuldenlast erdrückt zu werden.

Gott entlastet und befreit uns immer wieder von unserer Schuld und schenkt uns dadurch einen Neuanfang. Aus dieser Erfahrung heraus können wir ebenso handeln, wenn uns jemand um Vergebung bittet. Das ist der zweite Teil der Bitte im «Unser Vater»-Gebet und dieser Teil ist auch anspruchsvoll. Vergeben bedeutet, das Schuldbekenntnis des Gegenübers anzuerkennen und ihm nicht ständig den Fehler wieder vorzuwerfen, ihm stattdessen zuzutrauen, dass es sich ändern kann. Ein weiterer Aspekt von Vergebung wird gerne vergessen: Oft stehen wir uns selber im Weg, Vergebung anzunehmen, und plagen uns mit Selbstvorwürfen. So wie Gott uns gnädig ist, so dürfen wir uns selber auch gnädig sein und uns immer wieder zusprechen, dass wir von Gott mit unseren Schwächen und Fehlern angenommen sind.

Pfarrerin Elsbeth Hirschi Glanzmann
August 2020



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