Männliche Gottesvorstellungen sind in unserer Kultur präsenter als weibliche. Das kann es schwierig machen, eine Beziehung zu finden zum Göttlichen. Doch die biblischen Texte lassen Vielfalt zu. Pfarrerin Alexandra Flury-Schölch ermuntert uns, das eigene Gottesbild und die Anrede im Gebet zu überdenken und zu verändern, um vertrauen zu können.
Kirchenkaffee. Wir befinden uns mitten in einer Predigtreihe über das «Unser Vater» und erwarten angeregte Gespräche über das viel diskutierte: «Und führe uns nicht in Versuchung». Doch ein Mann wirft in die Runde: «Mir bereitet die erste Zeile viel grössere Schwierigkeiten. Vater! Wieso muss Gott immer männlich sein? Ich hatte keine nahe Beziehung zu meinem Vater und das macht es schwer, mich an einen männlichen Gott zu wenden.»
HERR GOTT!?
Nicht alle haben Mühe mit einem Gott, der unser Vater ist. Manche fühlen sich jedoch durch das Reden in der männlichen Form in ihrem Vertrauen und in ihrer Verbundenheit mit dem Göttlichen blockiert. Könnte man Gott ebenso als Mutter ansprechen? Oder vielleicht sogar weder noch und stattdessen mit einer metaphorischen Anrede wie «Licht», «Lebenskraft», «Ewigkeit»?
Die Vielfalt der Gottesrede ist in den vergangenen Jahrzehnten breiter und farbiger geworden. Die feministische Forschung, die von vielen Frauen vorangetrieben und auch von Männern mitgetragen wurde, hat zunehmend bewusst gemacht, dass in Zeiten und Gesellschaften, in denen hauptsächlich oder aus-schliesslich Männer Theologen, Priester und Dichter waren, auch die religiöse Sprache von Männern geprägt wurde: Bilder und Titel für Gott sind in den biblischen Texten ebenso wie in der kirchlichen Sprache deshalb mehrheitlich männlich.
UNSER VATER
UNSERE MUTTER
UNSERE KRAFT
UNSERE LIEBE
Kommt hinzu, dass der Glaube an einen Gott (Monotheismus) sich im Alten Israel entwickelt hat aus der bewussten Wahl eines Gottes aus mehreren (Monolatrie). Und dieser eine gewählte Gott JHWH, dessen Name nicht ausgesprochen wird, war ursprünglich ein männlich gedachter Gott, der in ganz alten In-schriften zusammen mit einer weiblichen Gottheit verehrt wurde, die dann in den Hintergrund trat. Der nunmehr eine und einzige Gott hat jedoch mit dieser Entwicklung auch viele weiblich gedachten Eigenschaften aufgenommen. Sie sind nicht so stark prägend, aber in den biblischen Schriften durchaus zu finden; sie – unser Gott, unsere Göttin – wird auch Mutter, Gebärende und Stillende genannt und das Wort für Gott als Geist und Kraft (die Ruach) ist im Hebräischen ein weibliches Wort.
Jesus wollte mit dem «Unser Vater» kein männliches Gottesbild prägen, sondern uns zu einer Vertrauenshaltung gegenüber dem Göttlichen ermutigen. Daher ist es wichtig, Namen, Anreden und Bilder für das Göttliche zu finden, die dieses Vertrauen ermöglichen und stärken. Daher meine Antwort als Pfarrerin: Ja, man kann und darf Gott ebenso als Unser Vater wie als Unsere Mutter ansprechen und ebenso als Unsere Kraft oder Unsere Liebe.
Pfarrerin Alexandra Flury-Schölch
September 2020
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