Martina Jaggi

Wort Gottes

auf den punkt gebraht (Foto: Thala Linder)

Das Wort Gottes? Es zu wörtlich zu nehmen, macht es platt, dem Drohen und Schelten gehorcht es nicht. Pfarrer Res Tanner erkundet seine umfassende Beschaffenheit und erhellende Wirkung.




Das Wort Gottes, ja, was ist das eigentlich? Hat es jemand von uns schon jemals gehört? Von biblischen Menschen vernehmen wir, dass es Menschen gibt, die das Gotteswort gehört haben oder, wie es gerne heisst in biblischer Sprache, an die das Wort Gottes «ergangen» ist. So etwa Jeremia 1, 4: «Und das Wort des Herrn erging an mich». Offen-bar geschieht da etwas ganz anderes als beim Hören von Worten oder Wörtern, die einfach von Mitmenschen gesprochen werden und als Schallwellen auf unser Ohr treffen. In der Lutherübersetzung heisst es sogar: «Und des HERRN Wort geschah zu mir».

Da geschieht also etwas. Nun, bei Menschenworten kann auch etwas geschehen. Sagt eine Mutter zu ihrem Kind: «Komm zu mir», dann kommt das Kind, vielleicht, aber doch nur vielleicht. Möglicherweise hat das Kind etwas ganz anderes im Sinn und ‹trötzelet›. Aber beim Wort Gottes ist das ein Geschehen und Ergehen von ganz anderer Dimension. Da hilft alles ‹Trötzelen› nicht. Dem Gotteswort muss sogar die tiefste, absolute Finsternis weichen, wie man schon beim ersten Ergehen eines Gotteswortes sieht: «Gott sprach, es werde Licht! Und es ward Licht.» Es ist ja kein Ohr da, das etwas vernehmen konnte. Da geschieht etwas von ganz unerhörtem Ausmass. Da leuchtet plötzlich aus der abgrund-tiefen Finsternis, wie wir sie uns unmöglich vorstellen können, Licht hervor. Das Wort Gottes scheint selber einfach Licht zu sein, das uns Orientierung gibt im Leben, so im Psalm 119, 105: «Dein Wort ist meines Fusses Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.» Das ist ein Wort, das jedenfalls auch nicht wie ein Menschenwort mittels Schallwellen uns erreicht, sondern auch wieder ein Geschehen, das unser ganzes Menschsein umfasst.

DAS WORT GOTTES
KANN UNS NEUES,
NOCH UNDENKBARES
ZUSAGEN


Das Wort Gottes braucht nicht immer mit dieser Wucht zu geschehen wie das Schöpferwort am Anfang, es kann auch sanft und vielleicht sogar flüsternd ergehen, wie z. B. im Prophetenwort in Jesaja 40, 1–2: «Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist.»

Aber dürfen wir annehmen, wenn denn dieses Trostwort wirklich so vernommen wird, wie es vernommen werden will, dass es genau so wirkungsvoll ist wie das Schöpferwort? Ich denke schon. So wie das Schöpferwort etwas ganz radikal Neues und Undenkbares hervorbringt, kann das Trostwort Gottes uns aus Trauer und Verzweiflung etwas ganz Neu-es, für uns noch total Undenkbares zusagen.

Pfarrer Res Tanner
Juni 2021



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Bereitgestellt: 03.03.2021                 Datenschutz