Thala Linder

Von Gott gefügt

engagiert jetzt <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Kirche&nbsp;Schweiz)</span>: Freiwilligeneins&auml;tze f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>oeme.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>277</div><div class='bid' style='display:none;'>2876</div><div class='usr' style='display:none;'>121</div>

Wie aus einer nicht zufälligen Begegnung ein freiwilliges Engagement jenseits von Strukturen und Organisationen wurde, davon erzählen Ursula, Andi, Susan, Mukthar und Saeed.
Thala Linder,
Wir treffen uns in der Stadtkirche, dem Ort an dem die Geschichte beginnt. Die Vorgeschichte jedoch müssen wir im Nordirak suchen. Hier wuchs Saeed auf. Schon früh irritierte ihn, dass bei Strenggläubigen im Islam die Musik ein Tabu ist, dass man nicht für Gott musizieren darf. An der Musikschule begegnete er syrisch-orthodoxen Christen, mit denen er in der dortigen Kirche Geige spielte. So begann sein Interesse für das Christentum zu wachsen, das in einer Bekehrung mündete. Zwar gilt im Irak Religionsfreiheit, doch ein Muslim der sich zum Christentum bekehrt, wird oft von seiner Familie an Leib und Leben bedroht. So auch Saeed. Ihm blieb nichts anderes als die Flucht.
Seine Flucht führte ihn in die Schweiz. Hier lernte er im Asylheim Gubel im Kanton Zug Mukthar kennen und besuchte dort auch erste Gottesdienste. Als er verlegt wurde, wurde auch Mukhtar zusammen mit ihm in den Oberbalmberg gebracht. So entstand eine Freundschaft zwischen den zwei kurdischen Männern, die auch anhält, als die beiden in Wohnungen nach Deitingen und Recherswil verlegt werden.
Für Saeed war dieser Wechsel in eine Wohnung der Moment, an dem er eine Kirche suchte in der er regelmässig Gottesdienste besuchen konnte. Durch einen Deutschlehrer an der Volkshochschule lernte er die Stadtkirche kennen, wo er mit Mukthar im Frühjahr 2018 den ersten Gottesdienst besuchte. Auch Susan war in diesem Gottesdienst. «Ich sah sofort, dass die beiden nicht von hier waren und habe mir gedacht, dass man verloren ist, wenn niemand auf einem zukommt. Für mich war es selbstverständlich, dass ich die beiden begrüsse.» Saeed erinnert sich, wie Susan ihm im Kirchengesangbuch die Lieder gezeigt hat. «Und dann habe ich nach Geigenstunden gefragt.» Susan hat Saeed dann im Kirchenkaffee des Auffahrtsgottesdienstes mit Ursula Hofer bekannt gemacht. Denn sie wusste, dass diese Beziehungen zu Musikern hat. Dank Ursulas Vermittlung fand Saeed eine einen sehr guten Geigenlehrer und konnte im Orchester der Kantonsschule, dem Jugendsymphonieorchester Solothurn und dem Stadtorchester Grenchen Geige spielen. Ursula meint: «Es brauchte nur eine Brücke und dann konnte ich mich zurückziehen.» Andi, Susans Mann, fügt lachend an: «Dank Saeed bin ich dann im Stadtorchester Grenchen gelandet. Er wusste, dass es dort einen Oboisten braucht.»
Saeed und Mukhtar besuchten regelmässig Gottesdienste in der Stadtkirche. Halfen auch als Freiwillige zum Beispiel am Franziskustag in der Küche, Mukhtar hat etwas fürs Kirchenkaffee gebacken und Saeed durfte, weil er in seiner Wohnung mit den Mitbewohnern keine Ruhe fand, in der Kapelle der Stadtkirche Geige üben. Und vier Mal wöchentlich wurden in der Stadtkirche Konversationsstunden in Deutsch abgehalten. Dies erwirkte ein anderes Gemeindemitglied, das spontan bei einem späteren Kirchenkaffe aufstand und fragte, ob jemand Zeit und Lust hätte, regelmässig mit Mukhtar und Saeed Deutsch zu üben. Spontan meldeten sich mehrere Leute.
Zwischen Ursula, Andi, Susan und Saeed entwickelte sich durch regelmässige Treffen und Konzertbesuche eine Freundschaft. Sie durften miterleben, wie er Fortschritte in Deutsch machte, in verschiedenen Berufen schnupperte, ein Praktikum im Magnolienpark Solothurn und den Pflegehelfer Kurs des SRK absolvierte. Der Kanton bewilligte eine Lehrstelle für ihn im Pflegezentrum Forst ab August 2020, wo er ebenfalls in der Alerspfleg tätig wäre.
Im Januar 2020 kam dann der Bescheid, dass Saeeds Asylantrag abgelehnt wird. Die Begründung ist, dass im Irak Religionsfreiheit gilt. Mukthar, der aus dem Iran stammt, meldet sich plötzlich aus dem Hintergrund und lässt Saeed übersetzten: «Im Iran gibt es keine Religionsfreiheit, dort verfolgt der Staat Andersgläubige. Im Irak ist es aber nicht besser, zwar sagt der Staat, dass es Religionsfreiheit gibt, in der Gesellschaft ist das aber nicht so. Die Schweiz versteht nicht, dass das keinen Unterschied macht. Auch im Irak erhalten konvertierte Christen keinen Schutz vom Staat.» Saeed bestätigt, dass für ihn eine Rückkehr in seine Heimat, nicht möglich sei. Aber auch hier haben sich seine Zukunftsaussichten verändert. «Mein Traum von einem Job ist geplatzt.» Auch Andi meint: «Mit der Ablehnung des Asylantrags, hat sich grundlegend etwas verändert.» Andi, Susan und Ursula haben Saeed die amtlichen Briefe übersetzt, mit ihm Beschwerde eingereicht, dafür gesorgt, dass er die 750.- für die sogenannte Zwischenverfügung bezahlen konnte und als dann kurz darauf vom Bundesverwaltungsgericht der Bescheid kam, dass sein Rekurs abgelehnt wurde, war für Andi klar: «Jetzt müssen wir grosse Geschütze auffahren.» Einerseits haben sie gehofft mit einem Brief an Gottfried Locher, die EKS zu motivieren, sich vermehrt für das Thema der Christenverfolgung als Asylgrund einzusetzen. «Da war einfach das Timing sehr schlecht.» meint Ursula. Andererseits fanden sie einen Anwalt mit Erfahrung, der einen «superprovisorischen Vollzugsstopp» erreichte. Sechs Wochen später wurde der Rekurs jedoch abgelehnt. Da beim Asylgesuch ein Arztzeugnis nicht berücksichtigt wurde, hoffen alle Beteiligten weiter und erwarten die Antwort auf das Wiedererwägungsgesuch, welches der Anwalt an das Bundesamt für Migration geschickt hat.
Um die Anwaltskosten stemmen zu können, haben Andi und Susan ein Konto eingerichtet, darauf haben sie auch die 500.-, die bei einer spontanen Sammelaktion nach einem Gottesdienst in der Stadtkirche zusammenkamen, einbezahlt.
Eine weitere Veränderung ist dadurch entstanden, dass Saeed mit der Ablehnung des Gesuchs zurück ins Zentrum auf dem Oberbalmberg müsste. Susan und Andi entschieden, ihn bei sich zu Hause aufzunehmen, denn ihre Kinder seien ja jetzt aus dem Haus. Für das Amt für Soziale Sicherheit und für das Migrationsamt ist das in Ordnung, sie haben nur darauf hingewiesen, dass sie dann die 9Fr. tägliche «Nothilfe» für Saeed ersatzlos streichen.
Weshalb sie das alles machen? «Weil wir Saeed gernhaben», sind sich alle drei einig. Und Susan fügt an: «Wir sind so privilegiert hier. Damit sind wir doch in der Verantwortung für andere Menschen da zu sein.» Und für Susan ist klar: «Als Christin glaube ich nicht an Zufälle, diese erste Begegnung in der Stadtkirche war kein Zufall.» Und auch Saeed meint: «Ich finde gut, dass Gott mir diese Menschen geschickt hat für meinen Weg.» Ursula erzählt von einer grossen Dankbarkeit, die sie erfüllt und davon, wie es ihr Kraft und Mut gibt, dass so viele Menschen mittragen. Also begleiten sie Saeed weiter auf seinem Weg, üben mit ihm Mundart, lachen, weinen und beten dafür, dass sie von Gott für das was kommt gut ausgerüstet werden.

Weitere Informationen zu Saeeds Weg in der Schweiz und die Möglichkeit sein Anliegen in der Schweiz zu bleiben zu unterstützen, finden sie » hier
Bereitgestellt: 30.07.2020