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Stadtkirche Rundgang Nr. 7: Kapelle

Kapelle 2025 (Foto:  Verwaltung)
Abseits des grossen Kirchenraums, unter dem Turm, befindet sich die kleine Kapelle – ein Ort für stille Andacht, Taufen im kleinen Rahmen oder besondere Feiern. Armin Meili beschrieb dem Kirchgemeinderat am 5. Februar 1925 die Ausmalung des «Turmsaals» wie folgt:
Beschrieb 1925
Protokoll KGR 5.2.1925 (Foto:  Verwaltung)
1926 wurde die Stadtkirche in der Schweizerischen Bauzeitung beschrieben und zur Taufkapelle steht: «Höchst bemerkenswert und ein Zeichen der zeit ist eine kleine Kapelle im Untergeschoss, fast eine Krypta, die höchstens 60 Personen fasst und intimern Zeremonien, wie Taufen und Trauungen dienen wird, die sich im grossen Kirchenraum zu verlieren oder doch spärlich auszunehmen pflegen; solche Kapellen sollten zum ständigen Programmpunkt für reformierte Kirchen-Neubauten werden. Dieser Raum ist im wesentlichen auf Blau gestimmt und besitzt rotes Stuck-Ornament in linearen Mustern, wie sie ähnlich in römischen Katakomben vorkommen.»
Umbau 60er Jahre
Kapelle Planaufnahme 1956 (Foto:  Verwaltung)
Nebst einer Planaufnahme von 1956 ist war über diesen Raum sonst nicht mehr viel bekannt. Denn in den 60er Jahren wurde die Kapelle im Zuge des damals vorherrschenden Pragmatismus zu einem praktischen Mehrzweckraum umgebaut. Damit sollte – verständlicherweise – die Sakristei vergrössert werden. Daher wurde ein Boden auf Höhe des restlichen Geschosses eingezogen, und somit sämtliche Nischen und sogar das Ostfenster zugemauert. Um Raumhöhe zu gewinnen, entfernte man das Stichgewölbe mitsamt den reichen Verzierungen. Die Gestaltung war nüchtern in weiss gehalten, die Decke mit einem dunkelbraunen Täfer verkleidet.

Entscheid zum Rückbau
Dieser Raum hat in der Totalsanierung zum 100-jährigen Kirchengeburtstag die grösste Veränderung, eine Rückführung in den Urzustand erfahren, zumindest in grossen Teilen. Bereits vor knapp 20 Jahren wurde ein Projekt zur Umgestaltung lanciert, welches aber nie umgesetzt wurde. Durch Abklärungen neuer Verantwortlichen wurde festgestellt, dass der Raum – zumindest architektonisch – wieder in den Urzustand rückführbar wäre. Nicht destotrotz benötigte es einiges an Überzeugungskraft der Baukommissionsverantwortlichen, diese mutige Idee umzusetzen. Bedenken zur originalen Farbgestaltung, der Treppe als Hindernis und die Angst vor einem düsteren Raum sowie hohen Kosten wurden geäussert. Doch die Gremien und die Kirchgemeindeversammlung stimmten letztlich zu, diesen einzigartigen Raum wieder herzustellen.

Nachforschungen im Archiv in Protokollen, Ausschreibungen und Abrechnungen brachten viele Einzelheiten zu Tage, zusätzliche Erkenntnisse kamen mit den Abbrucharbeiten zum Vorschein. Nicht alles wurde wieder zurückgeführt. Die grössere Sakristei wurde als Raum belassen, denn original war diese halb so gross und vollständig von der Kapelle getrennt. Ebenso wurde der Zugang nicht mehr als einzelner Raum abgetrennt, jedoch die Trennung der beiden Räume visualisiert.
Sanierung 2024/2025
Heute wie vor 100 Jahren stehen wir nun in einem Raum mit einzigartiger Atmosphäre.
Zum Vorschein kam der originale Boden mit Treppe und Podest in grünem Sandsteinimitat. Der Sitzbereich war bereits 1925 mit Eichendielen gestaltet – 1925 war dies auch im Kirchenraum der Fall. Die Wände mit den vielen Nischen sind in pompejanisch rot gehalten, die vier ursprünglichen, noch vorhandenen Holzleuchten konnten wieder in die Nischen gestellt werden. Die Fenster sind in der Form nach den alten Fotos nachgebaut. Unbekannt war, ob das rote Fensterglas in der Sakristei (früher ein Kapellenfenster) ebenso in allen Kapellfenster zu finden war. Es wurden nun dieselben Glasfarben des Kirchenraums eingebaut, welche die Stimmung der Abendsonne somit auch in die Kapelle bringen. Leider nicht mehr vorhanden sind Fotos, Skizzen oder Pläne zur Ausgestaltung der Decke – auch ein Farbmuster wurde nicht gefunden. Nebst den oben erwähnten Beschrieben lassen die hohen Kosten der Schlussabrechnung des Gipsers von 1925 darauf schliessen, dass die Decke über und über mit linearen Verzierungen und Ornamenten versehen gewesen sein muss. Da sich eine Neuinterpretation niemand anmassen wollte, zeigt sie sich die Decke heute schlicht in einem hellen Blauton.
Fenster Sakristei (Foto:  Verwaltung)
Zeitkapsel - Johannes der Täufer
Worüber nicht spekuliert werden musste, ist das Wiederauftauchen der Majolika in der Nische der Westwand. Protokolle und Berichte verwiesen auf eine Figur des Johannes des Täufers. Da sich aber niemand an diese Figur erinnerte, nahmen alle an, dass die Figur längstens entfernt wurde. Das Auftauchen war dann auch entsprechend überraschend und geschah, als sich vor Beginn der Abbrucharbeiten an einem Feierabend ein Mitglied der Baukommission, zwei seiner jungen Angestellten, der Verwalter und die Vorsitzende der Baukommission trafen, um mit Hilfe einer weiteren Kernbohrung eine kleine güldene Dose zu bergen. Diese wurde durch ein Loch unter dem Boden entdeckt und alle hofften auf Fotos, Pläne oder neue Erkenntnisse. Nach fast zwei Stunden bohren und grosser Inszenierung mit Kamera und Scheinwerfer war die Enttäuschung gross, als in einer goldig umwickelten alten Kamblydose lediglich bereits vorhandene Protokolle und Kopien zum Vorschein kamen. Als Frustabbau schlug die Vorsitzende der Baukommission vor, die Hauptnische ebenfalls zu öffnen, vielleicht wäre dort ebenfalls etwas drin. Nach kurzen Spitzarbeiten war die Überraschung entsprechend sehr gross, als ein unversehrter Johannes der Täufer durch das Loch die Anwesenden anschaute.

Inzwischen ist bekannt, dass die Figur nach Entwürfen von Armin Meili in Paris angefertigt wurde. Die bemalte und zinnglasierte Keramik oder eben Majolika ist eine Kunstarbeit, die man ursprünglich aus dem 15. und 16. Jahrhundert aus Italien kennt und ist ein Unikat in seiner Art.
Bereitgestellt: 29.08.2025    Besuche: 13 Monat            Datenschutz